Predigt am Fest der heiligen Familie

31. Dezember 2017, Klosterkirche Einsiedeln, Pater Mauritius Honegger

Liebe Mitchristen,
Wir feiern heute das Fest der heiligen Familie und meinen damit die Kleinfamilie Josef, Maria und das Jesuskind. Wir müssen aber Acht geben, dass wir nicht unsere moderne Vorstellung von Familie in die Zeit Jesu projizieren. Denn wenn man Jesus nach seiner Familie gefragt hätte, hätte er sich wahrscheinlich nicht damit begnügt, nur Maria und Josef aufzuzählen. Schon die Evangelien erwähnen "Brüder und Schwestern" Jesu. So sagen zum Beispiel die Einwohner von Nazareth nach dem ersten Auftreten Jesu in ihrer Synagoge: "Ist das nicht der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?" (Mk 6,3)

Nach katholischem Verständnis handelt es sich hierbei nicht um weitere Kinder Marias, sondern eher um Cousinen und Cousins oder eventuell um Söhne und Töchter Josefs aus einer ersten Ehe. Der Begriff "Bruder" ist im hebräischen Sprachgebrauch in der Tat offen für diese Bedeutung. "Bruder" kann allgemein einen Verwandten bezeichnen und sogar auch jeden Mitmenschen, was wir zum Beispiel an folgender Stelle leicht erkennen: "Wenn sich dein Bruder gegen dich versündigt, sollst du ihm vergeben." (vgl. Mt 18,21)

Die Erwähnung der Brüder und Schwestern Jesu zeigt uns, dass wir die Familie Jesu nicht nur auf seine Eltern reduzieren dürfen. Die Lebenswirklichkeit des jugendlichen Jesus war vielmehr geprägt von vielfältigen Beziehungen innerhalb seiner Verwandtschaft und darüber hinaus in der Dorfgemeinschaft.

Jesus ist also nicht als einsames Einzelkind aufgewachsen, sondern er war eingebettet in eine Sippe, eine Grossfamilie, in eine Glaubens- und Lebensgemeinschaft. Hier sind ihm Traditionen vermittelt worden. Hier hat er die Glaubens- und Lebenspraxis seines Volkes kennen gelernt. Hier ist er mit den altehrwürdigen Gebeten seiner Vorfahren, den Psalmen, vertraut geworden, die er später immer wieder zitieren wird.

Gewiss war die Verwurzelung Jesu in der Familie wichtig für seine Entwicklung und seinen Werdegang. Wir wollen dennoch nicht ausblenden, dass sich Jesus in Bezug auf Familie und Heimat erstaunlich kritisch äusserte: "Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie." (Mk 6,4). Und auch im Johannesevangelium heisst es an einer Stelle: "Seine Brüder glaubten nicht an ihn." (Joh 7,5)

Jesus wird von seiner Verwandtschaft nicht anerkannt. Vielleicht haben sie ihn für einen Phantasten gehalten mit völlig unrealistischen Ideen oder sie meinten, er halte sich für etwas Besonderes. Wer weiss, ob die Cousins nicht neidisch auf Jesus waren, weil sie selber nicht so toll predigen konnten wie er und weil sich hinter ihnen keine Anhänger scharten. Einige Verwandte fürchteten vielleicht auch, dass Jesus mit seinem unkonventionellen Auftreten dem ganzen Familienclan Schande bringen könnte.

Wir kennen die Psychologie der Verwandtschaft Jesu nicht. Was wir aber anerkennen müssen, ist die doch recht deutlich familienkritische Einstellung Jesu – zum Beispiel in der Situation, als ihn einmal seine Mutter und seine Brüder besuchen wollten. Man meldete Jesus, dass sie draussen stünden und mit ihm sprechen wollten. Darauf antwortete Jesus: "Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?" Er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: "Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter."

Wichtiger als Familie und Verwandtschaft ist für Jesus die neue Gemeinschaft seiner Jüngerinnen und Jünger. Das Kriterium, um das es Jesus geht, ist also, ob jemand den Willen Gottes tut oder nicht.

Diese distanzierte und in gewissem Sinne auch harte Haltung Jesu überrascht, da er seiner Familie eigentlich ja viel zu verdanken hat. Die Worte Jesu können vielleicht auch uns aufrütteln und uns helfen, mit dem heutigen Fest richtig umzugehen. Das Fest der heiligen Familie hat nämlich nicht den Sinn, ein Idealbild von Familie zu predigen und gleichzeitig mit dem Zeigefinger auf all diejenigen Menschen zu zeigen, die diesem Ideal nicht entsprechen. Erinnern wir uns daran, was Jesus zu der Ehebrecherin gesagt hat: "Auch ich verurteile dich nicht." (Joh 8,11)

Die meisten Menschen leben nicht in einer perfekten Familie. Viele leiden unter zerbrochenen Beziehungen und schwierigen Verhältnissen. Sie kommen aus einer brüchigen oder sogar gebrochenen Lebensrealität. "Unter jedem Dach, ein Ach!", heisst ein Sprichwort, dessen Richtigkeit bestimmt nicht nur Seelsorger bestätigen könnten.

Der Sinn des heutigen Festes ist deshalb nicht eine moralische Forderung, sondern ein grosser Trost und eine Entlastung. Ob unser Leben gelingt, hängt nämlich letztlich nicht davon ab, ob wir es schaffen, in einer perfekten Familie zu leben. Der Druck, den wir uns mit zu hohen Ansprüchen selber aufsetzen, ist nur kontraproduktiv: Auch eine Tochter, die beim Skirennen nicht die Goldmedaille gewinnt, und ein Sohn, in der Schule keine Sechs hat, ist ein wertvolles Kind. Auch ein Mensch mit Krankheit oder Behinderung hat seinen Platz und seine Bestimmung und ist wertvoll.

Die Menschen, mit denen wir tagtäglich zu tun haben, leben normalerweise nicht in einer perfekten Familie. Sie sind vielleicht unverheiratet oder geschieden, in einer Partnerschaft eingetragen oder verwitwet. Alle Menschen dürfen wir aber willkommen heissen in der Familie Gottes, die die Kirche ist. Dort, wo Menschen Verantwortung für einander übernehmen, wo sie sich umeinander sorgen und einander in Liebe begegnen. Dort ist das Kriterium erfüllt, das Jesus am Herzen liegt: "Wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter." Amen.


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