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Sonntagsgedanke – 11. November 2018

Nur schon ein flüchtiger Blick in die Verkaufsläden offenbart uns, dass wir uns Weihnachten nähern. Gleichzeitig zeigt er uns auch, dass wir uns offenbar nicht gedulden können, Weihnachten erst am 25. Dezember zu feiern, sondern uns schon Wochen davor weihnächtlich einrichten. Geduld ist offensichtlich nicht die grösste Stärke von uns Menschen. Das zeigt uns auch schon die Sprache: Das lateinische Wort für Geduld beispielsweise – «patientia» – trägt nämlich das Wort «pati» in sich, das im Deutschen mit «leiden» zu übersetzen ist.

Warten empfinden wir also als unangenehm. Ob ich nun auf jemanden warten muss, der mich irgendwo hinzubringen hat, aber Verspätung hat; ob wir auf den Besuch eines Menschen warten, der uns viel bedeutet; ob wir auf eine Antwort warten in einer Auseinandersetzung; oder ob wir auf einen Termin warten, vor dem wir uns fürchten. Warten ist nicht einfach.

Was aber bewirkt das Warten? Es schenkt uns Zeit. Zeit, um nachzudenken und eine neue Sichtweise zu gewinnen. Dabei lernen wir vielleicht auch zu erkennen, wie vielfältig die Zusammenhänge gewisser Konstellationen sind. Wir sehen vielleicht plötzlich auch die eigene Begrenztheit und werden uns der Schwierigkeit von Schuldzuweisungen bewusst. Wie oft hätten wir anders reagiert, wenn wir mit unserer Reaktion einen Moment gewartet hätten und beispielsweise nicht gleich eine emotionale Mail in unsere Tasten gehauen hätten. Gleichzeitig geben wir auch dem Gegenüber Zeit. Zeit, um weitere Schritte zu unternehmen und zu reifen.

Warten tut uns also gut. Gerade deshalb versucht Gott, uns in der Tugend der Geduld zu stärken. Wie macht er das? Indem er uns häufig Situationen schenkt, in denen wir das Warten gar nicht umgehen können, indem wir eine Abkürzung nehmen. Einen solchen – wie ich irrtümlicherweise meinte – schnelleren Umweg versuchte ich einmal als Kind zu nehmen, als ich alle Schokolade des Adventskalenders auf einmal ass, weil man mir sagte, dass dann Weihnachten sei, wenn alle Türchen des Kalenders offen seien. Immerhin kam ich so in den Genuss einer grossen Portion Schokolade. Aber Weihnachten war damit trotzdem noch lange nicht. Dass wir uns um Warten nicht drücken können, lehrt uns auch die Natur: Es nützt nichts, ungeduldig im Frühling an einem Hälmchen zu ziehen – im Gegenteil!

Gott lässt uns immer wieder warten. Nicht, weil er Freude hätte, uns damit zu quälen, sondern weil wir zutiefst beschenkt werden, wenn wir Geduld lernen – auch im Umgang mit uns selbst. Wie oft nämlich sind wir ungeduldig mit uns, mit unseren eigenen Fortschritten. Manchmal kommen wir uns vor wie Leute, die abnehmen wollen und jede halbe Stunde auf die Waage stehen. Dabei wissen wir doch von jedem Wanderausflug, dass der Weg auf den Gipfel Zeit braucht – Zeit für viele kleine geduldige Schritte.

Dabei belohnt uns freilich nicht erst der letzte Schritt mit einer atemberaubenden Aussicht. Vielmehr beschenkt uns jeder einzelne Schritt, der uns näher ans Ziel führt, mit Freude – und gleichzeitig mit Ermutigung, weiterzugehen. Ganz ähnlich wie der Adventskalender. Ja, vielleicht ist das Leben überhaupt wie ein grosser Adventskalender, der uns einen Vorgeschmack von der süssen Fülle des Danach gibt.

Der nahende Advent ist die Zeit des Wartens. Sie ist eine Einladung an uns alle, zu reifen.

P. Thomas Fässler

 
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