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Predigt am Tag der Armen

"Ich sehe ganz klar, dass das, was die Kirche heute braucht, die Fähigkeit ist, Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen – Nähe und Verbundenheit. Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht. Man muss einen Schwerverwundeten nicht nach Cholestrin oder nach hohem Zucker fragen. Man muss die Wunden heilen. Dann können wir von allem anderen sprechen. Die Wunden heilen, die Wunden heilen … Man muss ganz unten anfangen."

Liebe Schwestern und Brüder, diese Worte hat Papst Franziskus am Anfang seiner Amtszeit in einem Interview gesagt. Diese Worte passen sehr gut zu den biblischen Lesungen, die wir soeben gehört haben. Im Buch Daniel und im Markusevangelium ist von der grossen Not die Rede, in die Menschen geraten. Da ist ein Feldlazarett mitten unter den Menschen angebrachter als ein Haus voll Glorie, das von oben auf die Menschen herabschaut.

Aus dieser Einsicht heraus ist Papst Franziskus die Idee geschenkt worden, mit der ganzen Kirche 2015/2016 ein Jahr der Barmherzigkeit zu wagen. Die letzte grosse Veranstaltung in Rom war die Wallfahrt der von der Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen vom 10.-13. November 2016. Auch aus der Schweiz nahmen 160 Personen teil. Die Obdachlosen wurden von Papst Franziskus empfangen, es gab ein grosses Konzert für sie mit dem Titel ‚Mit den Armen und für die Armen‘, eine Eucharistiefeier im Petersdom und ein gemeinsames Mahl mit Papst Franziskus. Zum Abschluss des Jahres der Barmherzigkeit schreibt der Papst: "Vor dem Hintergrund des ‚Jubiläums für die von der Gesellschaft Ausgeschlossenen‘ … kam mir der Gedanke, dass als weiteres konkretes Zeichen dieses Ausserordentlichen Heiligen Jahres am 33. Sonntag im Jahreskreis in der ganzen Kirche der Welttag der Armen begangen werden soll. Das wird die würdigste Vorbereitung für die Feier des Christkönigssonntags sein, denn Jesus Christus hat sich mit den Geringen und Armen identifiziert und wird uns nach den Werken der Barmherzigkeit richten (vgl. Mt 25,31-46). Es wird ein Tag sein, der den Gemeinden und jedem Getauften hilft, darüber nachzudenken, wie die Armut ein Herzensanliegen im Evangelium ist und dass es keine Gerechtigkeit noch sozialen Frieden geben kann, solange Lazarus vor der Tür unseres Hauses liegt (vgl. Lk 16,19-21)."

So begehen wir heute den Welttag der Armen – Papst Franziskus mit einer Eucharistiefeier zusammen mit obdachlosen Menschen und einem gemeinsamen Mittagessen. Und wir? Wer gehört bei uns zu den Armen? Wer ist bei uns Lazarus von unserer Türe? Mit Schülerinnen und Schülern unseres Gymnasiums bin ich dieser Frage nachgegangen. Es ist eine lange und zum Teil auch sehr überraschende Liste entstanden:
- Menschen auf der Flucht, die eine neue Heimat suchen.
- Trauernde, die einen lieben Menschen verloren haben.
- All diejenigen, die viel Geld haben, aber unglücklich sind.
- Leute im Gefängnis.
- Einsame Menschen.
- Menschen, die das Glück anderer zerstören.
- Waisenkinder.
- Menschen ohne Liebe.
- Kranke Menschen.
- Folteropfer.
- Obdachlose.
- Menschen, die keine Freunde haben.
- Leute, die gemobbt werden.
- Menschen, mit denen niemand sprechen will.
- Alte Menschen.
- Menschen, die in ihrem Leben keinen Sinn mehr sehen.

Diese Liste könnten wir noch lange fortsetzen. Je konkreter unser Blick für Menschen in Armut wird, umso mehr realisieren wir, dass das mit Romantik nichts zu tun hat. Es geht nicht darum, dass wir armen Menschen von oben herab etwas Gutes tun. Einige kennen noch das Kässlein, in das man eine Münze einwerfen konnte und dann nickte es dankbar. Es geht nicht um die Armen weit weg, sondern um die Armen in unserer Mitte. Es geht darum, dass wir in ihnen Schwestern und Brüder erkennen, ihren Schrei nach Leben hören. Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, wie schwer es uns oft fällt, auf diese Menschen zuzugehen. Zudem sind verletzte Menschen oft nicht leicht zu ertragen. Sie zeigen nicht selten nach aussen zuerst eine harte, ja sogar abweisende Schale. Darum können wir von ihnen sogar Ablehnung erfahren. Der Schrei der Armen ist alles andere als angenehm. Wie leicht erliegen wir der Versuchung, Vorwürfe zu machen und sie auffordern, zu schweigen und einfach mal zufrieden zu sein. Das ist nicht der Weg, den Jesus uns zumutet.

Denken wir noch einmal an die Liste von armen Menschen, die wir vorhin gehört haben. Etwas anderes kann uns dabei aufgehen: Wir alle, auch wenn wir zur Zeit reich sind, können schnell und unerwartet arm werden. Denken wir an den Tod eines lieben Menschen. Einige unter uns wissen, welche Armut es ist, nicht mehr alleine die Kleider anziehen zu können. Oder wenn wir plötzlich nicht mehr weitersehen und am Verzweifeln sind. Die grosse Not, die Menschen erfahren müssen, ist uns näher als wir oft vermuten. Vielleicht macht es uns nicht zuletzt darum so Mühe, Menschen in ihrer Not wahrzunehmen und mit ihnen auf dem Weg zu sein. In dieser Not lässt uns Gott nicht allein.

Liebe Schwestern und Brüder, das Bild von der Kirche als Feldlazarett führt uns zu den Menschen in Not. Sie wahrnehmen. Einfach da sein, nicht zuerst als Lehrende, sondern als Hörende und als Heilende. So sind wir wahrhaft in der Nachfolge Jesu Christi: In unseren Gemeinschaften und Familien, in unseren Wohngebieten, an unseren Arbeitsplätzen, auf der Reise, wo immer wir auch sind. Möge Gott uns allen an diesem Welttag der Armen ein weites Herz schenken, damit wir unsere Enge überwinden und Tag für Tag Schritte der Barmherzigkeit wagen. Man muss ganz unten anfangen. Amen.

Fürbitten:
Herr Jesus Christus, du lässt uns auch in der Zeit der Not nicht allein! Wir bitten dich:
- Für alle, die sich ausgegrenzt und ausgeschlossen fühlen.
- Für alle, die ein offenes Ohr haben und sich Zeit nehmen für das, was andere bewegt.
- Für alle, die sich mit starken Worten zum Schutz und zum Wohl anderer einbringen.
- Für alle, die da sind, wenn ein Neustart nach schwerer Krankheit, Obdachlosigkeit oder Gefängnis notwendig ist.
- Für die Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, einsame Menschen zu besuchen.
- Für alle, die für die Not anderer Menschen mit ihrem Gebet einstehen und für die, die nicht mehr beten können.

Herr Jesus Christus, dir vertrauen wir alle Menschen in ihrer Not an. Schenke uns ein weites Herz, damit wir unsere Enge überwinden und Tag für Tag Schritte der Barmherzigkeit wagen. Dir sei Lob und Preis, jetzt und in Ewigkeit.

 
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